Mutters Lüge

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Das kommunistische Polen, 1984. Die fünfzehnjährige Marta wird aus ihrem gewohnten... mehr
Produktinformationen "Mutters Lüge"

Das kommunistische Polen, 1984. Die fünfzehnjährige Marta wird aus ihrem gewohnten Leben gerissen, als sie mit ihrer Mutter und dem Bruder nach Westdeutschland flieht. Mutter wurde doch von Lemberg/Ukraine nach Auschwitz gebracht, die Nazis haben ihr Schlimmes angetan. Warum also flieht die Familie ausgerechnet nach Deutschland Marta fühlt, dass ein dunkles Lebensgeheimnis über ihrer Mutter schwebt. Was 1984 beginnt, endet nach einigen Stolpersteinen und Zwischenstationen unter anderem im Berlin der ersten Stunde nach der deutschen Wiedervereinigung in der Schweiz. Marta beginnt hier ein neues Leben als Psychiaterin. Doch als ihre verschlossene Mutter stirbt, muss sie sich mit der Vergangenheit ihrer Familie auseinandersetzen. Denn es kommt eine große Lüge von historischer Tragweite ans Tageslicht. Für Marta fügen sich endlich Erinnerungen und merkwürdige Begebenheiten zu einem logischen Ganzen. Die Autorin legt mit diesem Buch einen mitreißenden Entwicklungsroman vor: Sie verwebt Tatsachen, Wirren und Träume miteinander und macht ein Stück europäischer Zeitgeschichte für den Leser persönlich erfahrbar. Heimat, Identität, Zugehörigkeit sind zentrale Themen.

Produktbeschreibungen

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Die Schweizer Bestseller-Autorin (Jg. 1969) wuchs im kommunistischen Polen auf, wo sie das Kriegsrecht, die Zeit der Gewerkschaftsbewegung Solidarność sowie u.a. auch die Nahrungsmittelrationierung der 1980er Jahre erlebte. 1984 emigrierte sie illegal nach Westdeutschland. Abitur in Kiel, Medizinstudium im Berlin der ersten Stunde nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Heute lebt sie in der Schweiz und führt eine eigene psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis mit kognitiv-verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt. Als Forensische Psychiaterin verfasst sie außerdem strafrechtliche Gutachten für Staatsanwaltschaften und Gerichte. Der Roman “Mutters Lüge” basiert auf der Lebensgeschichte der Autorin. Die Schriftstellerin interessiert sich dafür, was Menschen zu ihren Handlungen motiviert und wie es kommt, dass wir unterschiedlich mit Widrigkeiten des Lebens umgehen. Auch Fragen nach persönlichem Glücksempfinden, der Suche nach Vorbildern und Faktoren, die die innere Souveränität beeinflussen, beschäftigen sie. Diese Themen berührt sie in ihren Geschichten. Sie freut sich, wenn die Leser in sie eintauchen und sich auf diese Weise mit dem eigenen Lebensentwurf und dessen Umsetzung auseinandersetzen. Publikationen: 1) 'Aller guten Dinge sind drei. Polen, 1982', veröffentlicht in der Anthologiedes 6. Bubenreuther Literaturwettbewerbs 2020, 10/2020, ISBN 978-3-347-17504-4 2) 'Der Aufbruch', veröffentlicht in der Anthologie'Die zerrissene Zeit. Geschichten zur Spaltung der Gesellschaft., 08/2020, ISBN 978-3-347–13671-7 3) 'Heimat', veröffentlicht in der Anthologie des 7. Bubenreuther Literaturwettbewerbs 2021, 10/2021, ISBN 978-3-347-42751-8

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Aufbruch (1984) «Übermorgen fahren wir nach Deutschland», sagte Mutter. «Für immer.» «Nach Deutschland… Für immer » Hinter meiner Brust spüre ich einen dicken Knoten. Mein Zwillingsbruder Tomek führt seinen linken Mittel- und Ringfinger zur Schläfe, lässt die Hand dann in den Schoß fallen und öffnet weit den Mund. «Es ist illegal», betont Mutter. «Und Joka », kommt es wie ein Krächzen aus meiner Kehle. Ich kauere mich nieder zu meiner Hündin und drücke sie fest an mich. «Kein Wort zu niemandem! Sonst lande ich im Gefängnis, und du, Marta, darfst nicht ins Lyzeum und wirst nie Medizin studieren», bekräftigt Mutter und blickt auf den abgewetzten Spannteppich. «Am Montag geht ihr zur Schule und ich zur Arbeit. Wie üblich.» «Aber …» In meinem Kopf rasen so viele Gedanken, dass ich mich unmöglich auf einen einzelnen konzentrieren kann. Joka löst sich aus der offensichtlich zu starken Umarmung und legt sich unter den Tisch. Mutters himmelblaue Augen durchdringen mich förmlich. Es fühlt sich unangenehm und ungewohnt an, weil sie mich normalerweise nicht direkt anschaut. «Ihr teilt euch ein Gepäckstück», sagt sie, holt aus dem Hausflur ein Monster von einem Koffer und stellt ihn mitten ins Wohnzimmer. «Dieses hier.» Ein Wunder, dass er nicht schon geklaut wurde, in unserem anonymen Hochhaus. Eignen sich unsere Pfadfinderrucksäcke nicht dafür, frage ich mich. «Ich gehe Gassi mit Joka», sagt Mutter, ruft die Hündin und lässt die Wohnungstür hinter sich zuknallen. Eisige Stille umhüllte das Sofa, auf dem wir saßen. Tomek stützte seine Ellbogen auf die Knie und kaute an seiner Faust herum. Mir wurde plötzlich kalt und mein Unterhemd begann auf dem Rücken zu kleben. Ich fühlte mich hilflos wie ein Kind, obwohl ich fast stolze fünfzehn Jahre alt war. War das Ganze ein makabrer Scherz Was, wenn ich nicht mitwollte Was sollte aus Joka werden «Wusstest du davon », fragte Tomek. «Nein.» «Sind da Kommunisten im Spiel » «Hast du in der Schule was Gefährliches gesagt », fuhr ich auf. «Was denkst du von mir » Er konnte mich nicht ganz überzeugen, zumal er gleich wortlos in der Küche verschwand, in deren Nische sein Bett stand. Ich betrachtete unser Regal: entlang der ganzen Wand stehend, und voller Bücher. Die machten mich immer stolz, und jetzt trösteten sie mich. Ich würde mitnehmen, was ich besaß: den Rock, Hose, Unterhose, zwei Paar Socken, die T-Shirts, den Pulli, die drei Hemden und die Strumpfhose mit den reparierten Laufmaschen. Vor allem aber Bücher. Wir waren noch nie im Ausland gewesen. Es hieß, im Westen herrsche Freiheit und alles sei besser. Und Joka Meine Joka! Aber wie sollte ich mich verständigen Ich konnte doch nur Schulrussisch. Ich wusste zwar nicht woher, aber Mutter beherrschte Deutsch fließend. Wieso aber nach Deutschland, wenn Mutter doch von den Nazis sehr schlimme Dinge angetan wurden Und jetzt diese Entscheidung! Mutter hätte uns viel früher einweihen müssen, dann hätte ich Deutsch gelernt! Wie konnte sie nur Ich hoffte, ein warmes Bad würde mir wie sonst auch guttun, also ließ ich Wasser einlaufen. Danach würde ich meine Joka knuddeln. Aus dem Schaum formte ich Lebensmittel und blies in die Masse, bis sie sich auflöste. Hier in Polen waren die Dinge grau, braun, na ja, außer Obst oder Gemüse. War im Kapitalismus alles besser und bunt Konnte man sich frei äußern, was man dachte, egal wo und zu wem Gab es drüben für jeden ein ganzes Stück Fleisch auf dem Teller Ich malte mir Berge aus Würsten, Schweinerippen und meinen geliebten geräucherten ‹Kabanosy› aus. Ich konnte sie förmlich riechen! Frisch, nicht mehrfach ausgekocht, um das Aroma an andere Nahrungsmittel abzugeben. Dort trägt man sicher warme Winterstiefel, Sommersandalen und die Häuser sind hell angestrichen. Und die Sportschuhe haben vorne keine Löcher für die größer gewordenen Zehen. Musste man im Westen auch Schlange stehen, um einzukaufen


Einband/Bindung: Taschenbuch
Sprache: Deutsch
Seitenzahl: 364
Erscheinungsjahr: 2021
Autor: Monika Hürlimann
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